Wie alles anfing...

Aus der Not heraus und durch ein Gespräch ist der Ideenfunke entstanden, und schnell hat die Initiative Feuer gefangen.

Rund um das Jahr 2018 zogen Ira (vordere Reihe, Mitte) und Peppe (vordere Reihe, rechts) nach Woltwiesche. Als fast-Nachbarinnen und durch ähnliche Interessen lernten sie sich zügig kennen. Da Ira sehr aktiv und in großen Mengen Lebensmittel rettete, bot sie ihren Hof als Verteilerstation an, wo Peppe und andere informierte Personen regelmäßig Lebensmittel retten durften. Durch die Begeisterung für nachhaltiges Handeln meldete sich auch Peppe bei Foodsharing Deutschland als Foodsaverin an und rettete gleichzeitig auch aus anderen Quellen Lebensmittel. Da sie auf dem großen Areal der Hansen-Werke zwischen Woltwiesche und Barbecke wohnt, richtete sie dort ebenfalls eine kleine Rettungsstation ein. Leider musste diese aufgrund von Problemen mit Tieren später in die Garage einer Bekannten nach Woltwiesche verlegt werden. Mit der Zeit, neuen Kooperationen und wachsendem Interesse von außen wurde jedoch das Privatleben zunehmend beeinträchtigt, da viele Menschen zum Lebensmittelretten regelmäßig in die Wohnsiedlung fuhren.

Ira äußerte an dieser Stelle den Wunsch nach einem öffentlichen Ort, an dem die Lebensmittelrettung unkompliziert organisiert und durchgeführt werden könnte.

Da Peppe durch die Corona-Pandemie ihr Ladengeschäft in Braunschweig schließen musste und dadurch mehr Zeit sowie Kapazitäten gewann, wagte sie den nächsten Schritt und griff die Idee von Ira auf.

Lengede selbst stellt keine einfache Lage dar: Bezahlbare Räume zur Miete, die gleichzeitig eine kleinere Größe haben, gibt es kaum. Zum Glück gab es jedoch genau einen solchen gewerblichen Raum am Vallstedter Weg 35, der bereits längere Zeit leer stand. Peppe und ihr Ehemann Levi meldeten sich direkt beim Vermieter, und schon bald kam es zum ersten Besichtigungstermin. Um die Initiative unkompliziert ins Rollen zu bringen, wurde zunächst so gehandelt, dass Die Bunte Kiste eine Sparte des Vereins Hansen-Werke e.V. wurde, denn die Verbindung lag nahe. Durch die Corona-Zeit hatte auch dieser Verein Probleme mit der ehrenamtlichen Beteiligung bekommen und erhoffte sich durch das Ankommen in der Lengeder Mitte, wieder stärker in den Fokus zu rücken.

Es war von vornherein klar – hier wird alles auf freiwilliger Spendenbasis organisiert, offen für alle und unkompliziert gestaltet. Über zwei Monate hinweg kämpften sie gemeinsam mit Familienmitgliedern, Freunden, Bekannten und Begeisterten am Ausbau der Bunten Kiste. Der doppelt und dreifach verklebte Bodenbelag stellte dabei einen wahren körperlichen Kraftakt dar. Um den schönen Boden, der sich darunter versteckte, zu erhalten, schrubbten alle abwechselnd Millimeter für Millimeter ein undefinierbares Klebergemisch ab, das sich nur manuell entfernen ließ. Danach wurde alles gemütlich wie ein Wohnzimmer mit Küchennische und Kunst eingerichtet – natürlich ebenfalls nachhaltig und aus Secondhand-Teilen, die aus dem Reservoir der Hansen-Werke stammten.

Da Peppe bewusst war, dass allein durch die geretteten Lebensmittel nicht genug Spenden zusammenkommen würden, richtete sie die Initiative von Anfang an auch als Kulturort mit den Schwerpunkten Nachhaltigkeit und Soziokultur aus. Da es ausdrücklich verboten ist, für Lebensmittel, die über Foodsharing gerettet werden, Geld anzunehmen, hing vor Ort ein Spendenkasten, dessen Einnahmen ausschließlich der Unterstützung des Ortes dienten und nicht den Lebensmitteln selbst. Mehrmals im Monat bemühte sie sich darum, Veranstaltungen aller Art anzubieten – von kleinen Konzerten über Spieleabende, gemeinsames Kochen, Ausstellungen und Workshops bis hin zu vielem mehr.

Mit der Zeit erkannten auch andere Menschen das Potenzial und nutzten die Bunte Kiste für eigene Veranstaltungen und Treffen. So konnte sichergestellt werden, dass die laufenden Kosten hauptsächlich durch die Aktivitäten und die Begeisterung der Unterstützerinnen und Unterstützer gedeckt wurden. Auch die Lengeder Bürgermeisterin Maren Kleinschmidt (ehemals Wegener) setzte sich für die Initiative ein und erkämpfte eine monatliche finanzielle Unterstützung und trat dem Verein bei.

An dieser Stelle gilt ein besonderer Dank auch Sascha Ignorek und Frank Kahlecke, die sich in den Gremien von Anfang an stark für die Bunte Kiste eingesetzt haben. Aus manchen politischen Gruppen gab es anfangs nicht wenig Gegenwind und Misstrauen gegenüber der Initiative. Ebenso gilt unser Dank natürlich allen Unterstützerinnen und Unterstützern, die uns finanziell, durch Öffentlichkeitsarbeit oder ehrenamtliches Engagement geholfen haben und bis heute begleiten. Alle namentlich zu erwähnen würde den Rahmen sprengen.

Aber an dieser Stelle nochmal: IHR SEID KLASSE!

Auch viele Bands und Künstler_innen ließen sich von dem Projekt begeistern und traten völlig kostenlos auf bzw. stellten ihre Auftritte zugunsten der Initiative zur Verfügung, sodass die Spenden der Besucher_innen der Bunten Kiste zugutekamen.

Um jegliche Personalkosten zu sparen, wurde ein Türschloss mit Codetastatur angebracht. Den Zugangscode erhielt jede interessierte Person, nachdem bei Peppe ein Haftungsausschluss sowie ein Datenschutzblatt unterschrieben worden waren, denn die Räumlichkeiten wurden zur Sicherheit rund um die Uhr überwacht.

Alles lief also unbürokratisch und mit sehr viel Vertrauensvorschuss. Viele hatten anfangs ihre Sorgen geäußert, ob man den Menschen wirklich so viel Freiheit und Vertrauen schenken sollte. Tatsächlich lassen sich die unangenehmen Vorfälle der ganzen Jahre jedoch an einer Hand abzählen – und selbst diese waren eher banal. Alles wurde von Anfang an transparent kommuniziert, und Probleme konnten immer gemeinsam gelöst werden.

Um die Kommunikation zu erleichtern und in Echtzeit zu organisieren, wurde eine Community über WhatsApp eingerichtet. Dort konnte man nicht nur über vorhandene Lebensmittel informieren und sich austauschen, sondern auch Hilfe suchen, Dinge tauschen oder alles andere besprechen, was in einer lebendigen Gemeinschaft eben dazugehört.

 

Dadurch, dass das Interesse stetig wuchs und alles, was mit offizieller Verantwortung verbunden war, allein auf Peppes Schultern lag, entstand gemeinsam mit weiteren begeisterten Menschen die Idee, einen eigenständigen Verein zu gründen.

Gesagt – getan. Nach der Vereinsgründung am 26.05.2024 (Foto der Gründungsmitglieder oben) vergingen noch einige Monate mit Amtswegen und Formalitäten, bis die Bunte Kiste Ende November 2024 schließlich offiziell als Verein anerkannt wurde. Die Eröffnung des Ortes an sich fand am 2.10.2022 statt.

Ziemlich zügig verbreitete sich die Information über die Initiative im Großraum Braunschweig. Es erschienen mehrere Zeitungsartikel, zahlreiche begeisterte Menschen nahmen Kontakt auf und sahen in der Bunten Kiste zum Teil eine Inspiration sowie ein übertragbares Konzept. Sogar eine Ehrung mit dem zweiten Platz des Gemeinsam-Preises der Braunschweiger Zeitung durfte die Initiative entgegennehmen.

Mittlerweile füllt sich die Bunte Kiste wöchentlich, manchmal sogar täglich, mit Lebensmitteln, die innerhalb kürzester Zeit gerettet werden. Überschüsse werden teilweise direkt vor die Tür gestellt, um auch Passant_innen die Möglichkeit zu geben, etwas mitzunehmen, da sich viele den Schritt der Anmeldung nicht trauen.

„Die Kiste“ ist kein Tafelersatz – unser Ziel ist es nicht, Menschen in Not zu helfen, sondern aus einer rein nachhaltigen Perspektive zu handeln. Die Kosteneinsparungen für die Rettenden sind dabei ein willkommener Nebeneffekt in zunehmend schwierigen sozialen Lagen und vor dem Hintergrund des aktuellen Weltgeschehens. Vieles, was von Menschen nicht mehr gerettet werden kann, wird anschließend an Tiere weitergegeben.

Da wir im Jahr 2025 umziehen mussten und zunächst große Schwierigkeiten hatten, neue Räumlichkeiten zu finden, half uns erneut die Gemeinde und stellte uns die Gemeinderäumlichkeiten am Bodenstedter Weg zur Verfügung.

Allerdings dürfen wir dort momentan keine Veranstaltungen durchführen. Dafür weichen wir auf den Generationen-Treff und das Spritzenhaus in Lengede aus, da beides Vereinen kostenlos zur Verfügung steht. Da dies organisatorisch etwas anstrengender ist, ist das soziokulturelle Angebot der Bunten Kiste etwas geschrumpft. Dennoch blicken wir positiv in die Zukunft und sind gespannt, was noch alles kommen wird.

 

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